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Warum ich kein Christ mehr bin

von Denny R. Walter
(13. August 2007)

[Anmerkung: Diese Abhandlung wurde von mir geschrieben, als ich noch gläubig war. Ich gehe im folgenden Text also von der Existenz Gottes aus, obwohl ich inzwischen Atheist bin.]

Einleitung

Am 13. September 1998 bin ich das erste Mal in die Kirche gegangen. Diesen Tag sehe ich als den Tag an, an dem ich Christ wurde.
Neun Monate später, am 27. Juni 1999, wurde ich getauft und war nun offizielles Mitglied der evangelischen Kirche.
Doch mit der Zeit lernte ich immer mehr Dinge des Glaubens kennen und bemerkte, daß die evangelische Kirche zum großen Teil sehr unbiblisch ist, so daß ich sie nicht mehr repräsentieren wollte. Deshalb trat ich am 10. Januar 2007 aus ihr aus. Von nun an war ich Christ ohne Konfessionszugehörigkeit.
Doch dies war im Vergleich zum nun folgenden Ereignis noch eine ziemlich geringe und rein formale Sache (da ich die unbiblischen Lehren der evangelischen Kirche ja schon Monate vor meinem Austritt abgelehnt hatte). Denn am 11. Juni 2007 kehrte ich mich vollkommen vom Christentum ab. An diesem Tag bekannte ich vor Gott dem Allmächtigen, daß ich nicht mehr glaube, daß Jesus sein Sohn und der Messias ist. Von diesem Tag an akzeptierte ich offiziell, daß nur das Judentum die wahre, von Gott eingesetzte Religion ist und daß das Christentum und der christliche Glaube eine rein menschliche Erfindung sind.

Wie ist es dazu gekommen? Das möchte ich gern in der folgenden Abhandlung schildern, doch vorher noch eine Warnung:

Im Gegensatz zum Christentum ist das Judentum keine missionarische Religion. Die Juden haben nicht die Aufgabe, die anderen Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen. Selbst wenn jemand anerkennt, daß die Juden den wahren Gott und den wahren Glauben haben, wird von ihm nicht erwartet, daß er zum Judentum übertritt. Dies ist auch der Grund, wieso ich seit meiner Abkehr vom Christentum religionslos bin und es nicht anstrebe, ein Mitglied von Gottes auserwähltem Volk zu werden.

Da also das Judentum keine missionarische Religion ist, geht es auch mir nicht darum, jemanden zu missionieren. Deshalb möchte ich jetzt folgendes konkret sagen:
Wer Christ ist und nicht möchte, daß sein Glaube angegriffen oder in Frage gestellt wird, der möge bitte nicht weiter als bis zum Ende dieser Einleitung lesen. Denn die vorliegende Abhandlung faßt die Gründe für meinen Glaubenswechsel zusammen und behandelt dabei konkrete Glaubensinhalte, welche natürlich aufzeigen, wieso ich der Meinung bin, daß das Christentum nicht die wahre Religion sein kann. Dieses Schriftstück kann also durchaus Widerspruch bei den Christen erregen.

Wie gesagt, ich bin kein Missionar. Ich schreibe diese Abhandlung nicht, damit möglichst viele sie lesen und vom christlichen Glauben zum jüdischen wechseln, sondern ich schreibe sie, damit die Leute, die es interessiert, wieso ich den Glauben gewechselt habe, sie lesen. Und natürlich schreibe ich diese Abhandlung für Menschen, die sich generell gern mit so einem Thema befassen oder die schon von sich aus darauf aus sind, Diskussionen mit Andersgläubigen zu führen.
Wer nun also ein Christ und mit seinem Glauben glücklich ist und wer sich nicht gern mit Nichtchristen darüber streitet, ob das Christentum überhaupt wahr und von Gott eingesetzt ist, dem würde ich, wie schon erwähnt, vorschlagen, nach dieser Einleitung mit dem Lesen aufzuhören, da ich zwar durchaus gewillt bin, derartige Diskussionen mit Christen zu führen, wenn sie es selbst wünschen, aber ich nicht von mir aus den Auftrag habe, andere vom jüdischen Glauben zu überzeugen.

Das war die allgemeine Einleitung, kommen wir nun zum fachlichen Text.

Kurze Zwischenworte

Ich beginne meine Ausführungen mit zwei voneinander ersteinmal unabhängigen Punkten: „Eine Annahme“ und „Das Buch Henoch“. Sie gehören nicht zusammen, der zweite Punkt baut nicht auf dem ersten auf. Noch dazu macht beides für den Anfang nicht den Anschein, als würde es etwas mit dem Thema zu tun haben. Doch nur Geduld, ich fasse die Punkte im darauffolgenden Abschnitt zusammen und erkläre dann ihre Relevanz.

Eine Annahme

Man stelle sich folgendes vor:

Ein Mensch tritt in unserer heutigen Zeit auf und gibt sich als (christlicher) Prophet aus, der von Gott Offenbarungen über die Endzeit erhalten hat.
Diese Offenbarungen enthalten einige Dinge, die man schon aus der Bibel kennt, sowie einige Neuerungen. Die Neuerungen widersprechen der Bibel nicht, es sind einfach nur Dinge, die bisher noch nicht oder weniger detailliert bekannt waren.

Nun folgen viele Leute diesem Propheten, weil sie in ihm einen wahren Gesandten Gottes sehen, der die christliche Botschaft in der heutigen Zeit predigt und etwas mehr Licht auf die Ereignisse der letzten Tage vor Jesu Wiederkunft wirft.

So weit, so gut.
Doch dann stellt sich heraus, daß die Offenbarungen, die dieser Mensch verkündet hat und die zu den neuen Offenbarungen gehören, welche man noch nicht in der Bibel findet, aus einem Werk der Fiktion, sei es ein Roman, ein Film oder sonstwas, stammen.

Also: Der sogenannte Prophet hat Dinge gepredigt, die er zum Teil aus der Bibel und zum Teil aus einem Roman oder Film hat.
Könnte man mit diesem Wissen noch immer davon ausgehen, daß es sich um einen echten Propheten handelt?

Solange seine Verkündigungen nur biblische Inhalte wiederholen oder neue Offenbarungen bringen, die die Bibel zwar nicht erwähnt, die der Bibel aber auch nicht widersprechen, kann man nicht genau sagen, ob er ein wahrer Prophet Gottes ist.
Aber in dem Moment, wo sich herausstellt, daß er bestimmte Inhalte seiner angeblichen Offenbarungen lediglich aus einem Roman oder einem Film geklaut hat, sollte eindeutig klar sein, daß er kein Prophet ist. Denn es dürfte relativ unrealistisch sein, daß Schilderungen aus einem fiktiven Werk ohne jegliche göttliche Inspiration zufälligerweise genau dem entsprechen, was später von Gott als Wahrheit deklariert wird.

Das heißt: Wenn heute ein Kinofilm rauskommt und morgen erscheint ein Prophet, dessen Offenbarungen zu einem großen Teil der Handlung dieses Films entsprechen, dann wissen wir, daß der Prophet nicht echt ist, weil er seine „Offenbarungen“ aus einem profanen Werk hat, das definitiv nicht von Gott stammt.

Das Buch Henoch1

Es gibt ein apokryphes Buch aus vorchristlicher Zeit: Das Buch Henoch.

In der hebräischen Bibel, von den Juden Tanach, von den Christen Altes Testament genannt, steht über die Person des Henoch folgendes geschrieben:

18 Jered war 162 Jahre alt und zeugte Henoch
19 und lebte danach 800 Jahre und zeugte Söhne und Töchter,
20 daß sein ganzes Alter ward 962 Jahre, und starb.
21 Henoch war 65 Jahre alt und zeugte Metuschelach.
22 Und Henoch wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter,
23 daß sein ganzes Alter ward 365 Jahre.
24 Und weil er mit Gott wandelte, nahm ihn Gott hinweg, und er ward nicht mehr gesehen.
(1. Mose 5:18–24)

Weil nichts über seinen Tod geschrieben steht, sondern Henoch vorher hinweggenommen wurde, glauben viele, er wurde in den Himmel entrückt.
Diese Idee wird im Buch Henoch aufgegriffen, das angeblich seine eigenen Worte enthält:

Die Segensworte Henochs, womit er segnete die Auserwählten und die Gerechten, welche leben werden in der Zeit der Trübsal, wo verworfen werden alle Bösen und Gottlosen. Henoch, ein gerechter Mann, welcher mit Gott war, redete und sprach, als seine Augen geöffnet worden und er gesehen ein heiliges Gesicht in den Himmeln: Dies zeigten mir die Engel.
(Henoch 1:1)

Nun wird das Henochbuch weder von Juden, noch von Christen als inspirierte Schrift angesehen. Es gehört nicht zum biblischen Kanon, sondern ist apokryph, was auch logisch ist, denn wäre dieses Buch wirklich von Henoch, dann wäre es die älteste heilige Schrift überhaupt, da Henoch sogar vor Noah und der Sintflut lebte.
Doch ich möchte noch ein paar konkrete Belege bringen, die zeigen sollen, daß das Buch Henoch lediglich ein weltliches Schriftstück von irgendjemandem ist und keine heilige, inspirierte Schrift eines Mannes, der in den Himmel entrückt wurde.

Ein veraltetes Weltbild

Im Buch Henoch wird viel über astronomische Themen gesprochen, doch die Schilderungen können in der heutigen Zeit im besten Fall nur noch als überholt bezeichnet werden. Hier eine Handvoll Beispiele:

Sterne werden als Lebewesen gesehen, die ihren Auf- und Untergang selbständig regeln. Bestimmte Sterne, die nicht zu den ihnen bestimmten Zeiten aufgegangen sind, werden von Gott bestraft:

15 Alsdann sagte der Engel: Dieser Platz wird bis zur Vollendung von Himmel und Erde das Gefängnis der Sterne und der Heerscharen des Himmels sein.
16 Die Sterne, welche über Feuer sich bewegen, sind diejenigen, welche überschritten den Befehl Gottes, bevor ihre Zeit gekommen; denn sie kamen nicht in ihrer rechten Zeit. Darum wurde er erzürnt gegen sie und band sie, bis zur Periode der Vollendung ihrer Strafe in dem verborgenen Jahre.
(Henoch 18:15–16)

Winde drehen angeblich den Himmel:

Ich sah die Winde, welche den Himmel drehen, welche den Kreis der Sonne und aller Sterne untergehen lassen, und über der Erde sah ich die Winde, welche die Wolken tragen.
(Henoch 18:6)

Die Sonne befindet sich in einem Wagen:

6 Und zuerst geht hervor das große Licht, dessen Name Sonne, und seine Kugel ist wie die Kugel des Himmels, und ganz ist es angefüllt mit Feuer, welches glänzt und brennt.
7 Den Wagen, worin es aufsteigt, weht der Wind fort.
(Henoch 71:6–7)

Dazu treten die Sterne beim Auf- und Untergang durch Tore:

2 Und die ist das erste Gesetz der Lichter. Die Sonne, das Licht kommen durch die Tore des Himmels, welche gegen Morgen, und ihr Untergang ihr Untergang ist in der Toren des Himmels, welche gegen Abend.
3 Ich sah sechs Tore, aus welchen hervorgeht die Sonne, und sechs Tore, wo untergeht die Sonne,
4 – und der Mond geht in diesen Toren auch auf und unter, – und die Führer der Sterne mit denjenigen, welche sie führen, sechs im Morgen und sechs in dem Untergange der Sonne.
(Henoch 71:2–4)

Außerdem seien Sonne und Mond gleich groß:

1 Die Namen der Sonne sind so: einer Orjârês und ihr zweiter Tomâs’sa.
2 Und der Mond hat vier Namen; sein erster Name ist Aënjâ, und der zweite Eblâ; der dritte Bënâsê, und der vierte Erâë.
3 Dies sind die zwei großen Lichter, deren Kugeln wie die Kugel des Himmels, und die Größen von ihnen sind beide gleich.
(Henoch 77:1–3)

Wäre das Buch Henoch wirklich vom in den Himmel entrückten Henoch geschrieben worden, dann gäbe es dort nicht solche Beschreibungen.
Das allein zeigt schon, daß das Buch Henoch keine göttliche Offenbarung, sondern nichts weiter als ein Werk der Phantasie irgendeines antiken Schreibers ist, der von Astronomie keine Ahnung hatte.

Fundamentaler Widerspruch zum Tanach, der hebräischen Bibel

Wäre das veraltete Weltbild nicht schon genug, so gibt es im Buch Henoch auch noch einen eindeutigen und absolut nicht zu tolerierenden Widerspruch zum Tanach.

Was sagt der Tanach zum Zustand der Toten? Er ist in seinen Beschreibungen ziemlich eindeutig: Tote haben kein Bewußtsein und sie beten nicht:

18 Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue;
19 sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute. Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.
(Jesaja 38:18–19)

Denn im Tode gedenkt man deiner nicht; wer wird dir bei den Toten danken?
(Psalm 6:6)

5 Denn die Lebenden wissen, daß sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts; sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen.
[…]
10 Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.
(Prediger 9:5, 10)

Es gibt auch keine Unterscheidung der Toten im Totenreich:

11 Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?
12 Warum hat man mich auf den Schoß genommen? Warum bin ich an den Brüsten gesäugt?
13 Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe
14 mit den Königen und Ratsherren auf Erden, die sich Grüfte erbauten,
15 oder mit den Fürsten, die Gold hatten und deren Häuser voll Silber waren;
16 wie eine Fehlgeburt, die man verscharrt hat, hätte ich nie gelebt, wie Kinder, die das Licht nie gesehen haben.
17 Dort haben die Gottlosen aufgehört mit Toben; dort ruhen, die viel Mühe gehabt haben.
18 Da haben die Gefangenen allesamt Frieden und hören nicht die Stimme des Treibers.
19 Da sind klein und groß gleich, und der Knecht ist frei von seinem Herrn.
(Hiob 3:11–19)

Doch ganz anders hier die Worte im Buch Henoch:

1 Von da ging ich weiter zu einem anderen Raume, wo ich sah im Westen einen großen und hohen Berg, einen starken Felsen und vier liebliche Plätze.
2 Innerlich war er tief, geräumig und sehr glatt, so glatt, als wenn er wäre überwalzt worden; er war sowohl tief als finster anzusehen.
3 Alsdann antwortete Raphael, einer von den heiligen Engeln, welche bei mir waren, und sagte: Dies sind die lieblichen Plätze, wo die Geister, die Seelen der Toten werden versammelt werden; für sie wurden sie eingerichtet, und hier werden versammelt werden alle Seelen der Menschensöhne.
4 Diese Plätze, in welchen sie wohnen, sollen sie einnehmen bis zum Tage des Gerichts und bis zu ihrer bestimmten Zeit.
5 Ihre bestimmte Zeit wird lang sein, gerade bis zum großen Gericht. Und ich sah die Geister der Menschensöhne, welche gestorben waren, und ihre Stimmen reichten zum Himmel, indem sie anklagten.
6 Alsdann fragte ich Raphael, einen Engel, welcher bei mir war, und sagte: Wessen Geist ist der, dessen Stimme (zum Himmel) reicht und anklagt?
7 Er antwortete und sagte: Dies ist der Geist Abels, welcher erschlagen wurde von Kain, seinem Bruder, und er wird ihn anklagen, bis sein Same vernichtet ist von der Oberfläche der Erde,
8 bis sein Same verschwindet aus den Samen des menschlichen Geschlechts.
9 Zu dieser Zeit also erkundigte ich mich über ihn und über das allgemeine Gericht und sagte: Warum ist einer von dem anderen getrennt? Er antwortete: dreies ist gemacht worden zwischen die Geister der Toten, und so sind die Geister der Gerechten getrennt worden,
10 nämlich eine Kluft, Wasser und Licht darüber.
11 Und auf dieselbe Weise werden auch Sünder getrennt, wenn sie sterben und in der Erde begraben werden, hat sie das Gericht nicht ereilt bei ihren Lebzeiten.
12 Hier werden ihre Seelen getrennt. Überdies ist ihr Leiden groß bis zur Zeit des großen Gerichts, der Züchtigung und der Qual derjenigen, welche ewig verfluchen, deren Seelen gestraft und gebunden werden bis in Ewigkeit.
13 Und so ist es gewesen vom Anfange der Welt an. So war dort vorhanden eine Trennung zwischen den Seelen derjenigen, welche Klagen vorbringen, und derjenigen, welche lauern auf ihre Vernichtung, sie zu morden an dem Tage der Sünder.
14 Ein Behältnis dieser Art ist gemacht worden für die Seelen der ungerechten Menschen und der Sünder, derjenigen, welche Verbrechen vollbracht und sich zu den Gottlosen gesellt haben, denen sie gleichen. Ihre Seelen sollen nicht vernichtet werden am Tage des Gerichts, noch sollen sie auferstehen von diesem Platze. Alsdann pries ich Gott,
15 und sagte: Gepriesen sei mein Herr, der Herr der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit, welcher regiert über alles von Ewigkeit zu Ewigkeit.
(Henoch 22:1–15)

Und dieser Widerspruch ist kein kleiner, unbedeutender Fehler, sondern betrifft eine Lehre, die sich durch den gesamten Tanach zieht. Die hebräische Bibel kennt kein Jenseits, in dem die Toten weiterleben. Sie kennt nur die Auferstehung am Ende der Zeiten:

Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Toten herausgeben.
(Jesaja 26:19)

Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels.
(Hesekiel 37:12)

Du aber, Daniel, geh hin, bis das Ende kommt, und ruhe, bis du auferstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage!
(Daniel 12:13)

Diese Idee von einem Totenreich, in dem die Toten ein Bewußtsein haben wie die Lebenden und in dem sogar eine Unterscheidung zwischen Gerechten und Ungerechten vorherrscht, gibt es im Judentum nicht. Das ganze ähnelt eher den Jenseitsvorstellungen der heidnischen Völker, wie den Ägyptern und Griechen.
Wenn nun ein jüdischer Schreiber kommt und so etwas als Wahrheit darstellt, dann kann er nicht von Gott sein.

Das Buch Henoch bietet ein für heutige Verhältnisse lächerliches Weltbild über die Planeten. Außerdem widerspricht es in einem entscheidenden Punkt dem Tanach, nämlich bei der Frage nach dem Zustand der Toten.
Somit sollte klar sein, daß dieses Buch kein Anrecht darauf hat, zu den heiligen Schriften gezählt zu werden.

Die Ursprünge gewisser christlicher Lehren

Ich habe davon gesprochen, daß ein Prophet, dessen neue Offenbarungen in Wirklichkeit auf einem Film oder einem Roman, also einem nicht heiligen Werk reiner Fiktion, beruhen, kein echter Prophet sein kann.
Und ich habe gezeigt, daß das Buch Henoch ein nicht heiliges Werk reiner Fiktion ist.
Nun will ich, wie schon angekündigt, diese beiden Dinge mit dem Thema verbinden und stelle die Behauptung auf:

Jesus von Nazareth hat mindestens eine ganz wichtige und fundamentale Lehre der Christenheit, welche sich im Tanach nicht findet, aus dem nicht inspirierten Buch Henoch übernommen.
Weiterhin gibt es gewisse weniger wichtige Lehren aus dem Henochbuch, die die Jünger in ihren Briefen aufgreifen.

Was sagt das über die Glaubwürdigkeit Jesu und des Christentums aus?

Beginnen wir damit, die Lehren, die es sowohl im Neuen Testament, als auch im Buch Henoch, aber nicht im Tanach gibt, aufzulisten.

Die Hölle

Das Konzept der Hölle ist eine fundamentale christliche Lehre, unabhängig davon, ob man die Hölle nun als Ort ansieht, an dem die Verdammten ewig gequält werden, oder ob es sich um den Ort bzw. Zustand der endgültigen Vernichtung handelt. Aber Fakt ist: Die Hölle wird im Neuen Testament gelehrt und als das Schicksal aller Ungläubigen, Ungerechten und der gefallenen Engel am Tag des Jüngsten Gerichts dargestellt:

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,
32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet,
33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
[…]
41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!
[…]
46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.
(Matthäus 25:31–33, 41, 46)

10 Und der Teufel, der sie verführte, wurde geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel, wo auch das Tier und der falsche Prophet waren; und sie werden gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
11 Und ich sah einen großen, weißen Thron und den, der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel, und es wurde keine Stätte für sie gefunden.
12 Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.
13 Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken.
14 Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod: der feurige Pfuhl.
15 Und wenn jemand nicht gefunden wurde geschrieben in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl.
(Offenbarung 20:10–15)

Letztendlich ist es nach christlicher Lehre genau diese Hölle, die der Grund war, wieso Jesus erschienen ist: Er ist erschienen, um die Menschen vor der ewigen Verdammnis zu bewahren:

Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
(Johannes 3:16)

Der Tanach berichtet noch von keinem Feuersee, in den am Ende der Zeit alle Ungläubigen geworfen werden. Er berichtet zwar von Gottes Gericht und spricht von Feuer, aber diese Beschreibungen sind sehr irdisch, wie sich unter anderem hier zeigt:

1 Kommt herzu, ihr Heiden, und höret; ihr Völker, merkt auf! Die Erde höre zu und was sie füllt, der Erdkreis und was darauf lebt!
2 Denn der HERR ist zornig über alle Heiden und ergrimmt über alle ihre Scharen. Er wird an ihnen den Bann vollstrecken und sie zur Schlachtung dahingeben.
3 Und ihre Erschlagenen werden hingeworfen werden, daß der Gestank von ihren Leichnamen aufsteigen wird und die Berge von ihrem Blut fließen.
4 Und alles Heer des Himmels wird dahinschwinden, und der Himmel wird zusammengerollt werden wie eine Buchrolle, und all sein Heer wird hinwelken, wie ein Blatt verwelkt am Weinstock und wie ein dürres Blatt am Feigenbaum.
5 Denn mein Schwert ist trunken im Himmel, und siehe, es wird herniederfahren auf Edom und über das Volk, an dem ich den Bann vollstrecke zum Gericht.
6 Des HERRN Schwert ist voll Blut und trieft von Fett, vom Blut der Lämmer und Böcke, vom Nierenfett der Widder. Denn der HERR hält ein Schlachten in Bozra und ein großes Opfer im Lande Edom.
7 Da werden Wildstiere mit ihnen niedersinken und junge Stiere samt den Büffeln. Und ihr Land wird trunken werden von Blut, und die Erde wird triefen von Fett.
8 Denn es kommt der Tag der Rache des HERRN und das Jahr der Vergeltung, um Zion zu rächen.
9 Da werden Edoms Bäche zu Pech werden und seine Erde zu Schwefel; ja, sein Land wird zu brennendem Pech werden,
10 das weder Tag noch Nacht verlöschen wird, sondern immer wird Rauch von ihm aufgehen. Und es wird verwüstet sein von Geschlecht zu Geschlecht, daß niemand hindurchgehen wird auf ewige Zeiten,
11 sondern Rohrdommeln und Igel werden’s in Besitz nehmen, Nachteulen und Raben werden dort wohnen. Und er wird die Meßschnur darüber spannen, daß es verwüstet werde, und das Bleilot werfen, daß es öde sei.
12 Und Feldgeister werden darin wohnen, und seine Edlen werden nicht mehr sein. Man wird dort keinen König mehr ausrufen, und alle seine Fürsten werden ein Ende haben.
13 Dornen werden wachsen in seinen Palästen, Nesseln und Disteln in seinen Schlössern; und es wird eine Behausung sein der Schakale und eine Stätte für die Strauße.
14 Da werden Wüstentiere und wilde Hunde einander treffen, und ein Feldgeist wird dem andern begegnen. Das Nachtgespenst wird auch dort herbergen und seine Ruhestatt dort finden.
15 Da wird auch die Natter nisten und legen, ihre Eier aufhäufen und ausbrüten. Auch die Raubvögel werden dort zusammenkommen. Keines vermißt das andere.
16 – Suchet nun in dem Buch des HERRN und lest! – Keines von ihnen wird fehlen. Denn sein Mund gebietet es, und sein Geist bringt sie zusammen.
17 Er wirft ihnen das Los, und seine Hand teilt aus unter sie mit der Meßschnur, daß sie das Land besitzen auf ewige Zeiten und darin wohnen von Geschlecht zu Geschlecht.
(Jesaja 34:1–17)

Insofern haben die Gerichte Gottes im Tanach nichts mit einem jenseitigen feurigen Pfuhl zu tun, in den am Ende der Zeit alle Verdammten, die je gelebt haben, geworfen werden, sondern ähneln noch eher der Zerstörung von Sodom und Gomorra:

24 Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra
25 und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.
[…]
27 Abraham aber machte sich früh am Morgen auf an den Ort, wo er vor dem HERRN gestanden hatte,
28 und wandte sein Angesicht gegen Sodom und Gomorra und alles Land dieser Gegend und schaute, und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie der Rauch von einem Ofen.
(1. Mose 19:24–25, 27–28)

Es gibt eine Stelle im Neuen Testament, wo Jesus ganz direkt von der Hölle spricht und die einen unmittelbaren Parallelvers im Tanach hat:

47 Wenn dich dein Auge zum Abfall verführt, so wirf’s von dir! Es ist besser für dich, daß du einäugig in das Reich Gottes gehst, als daß du zwei Augen hast und wirst in die Hölle geworfen,
48 wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlöscht.
(Markus 9:47–48)

Und selbst hier klingt besagter Parallelvers absolut irdisch und enthält keinerlei Verweis auf eine Hölle nach christlicher Vorstellung:

Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren; denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Greuel sein.
(Jesaja 66:24)

Sogar die einzige Stelle im Tanach, die aussagt, daß einige Menschen nach ihrem Tod auferstehen, um bestraft zu werden, ist noch immer so allgemein gehalten, daß man hier von allein nicht auf die christliche Höllenvorstellung kommen würde:

Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.
(Daniel 12:2)

Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, daß von einer Hölle, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird, im Tanach nichts steht.
Es wird zwar von Gerichten mit Feuer gesprochen, doch solche Gerichte gab es schon zu Abrahams Zeiten. Und es wird davon gesprochen, daß einige Menschen zu ewiger Schmach und Schande auferstehen werden, obwohl hier wiederum nichts von einer Bestrafung in einem Feuersee gesagt wird.

Wenn Jesus also wirklich der Sohn Gottes ist, dann ist die Hölle etwas, das Gott erst durch ihn offenbart hat.

Gut, kommen wir nun zum Buch Henoch zurück.

Interessanterweise kennt das Henochbuch bereits eine Höllenlehre, die genau die Inhalte besitzt, die auch in der christlichen Lehre vorkommen: Am Tag des Jüngsten Gerichts werden die Toten auferstehen und Verdammte und abtrünnige Engel werden in das ewige Feuer geworfen:

6 Wiederum sprach der Herr zu Raphael: Binde den Azazjel an Händen und Füßen, wirf ihn in Finsternis, öffne die Wüste, welche in Dudael ist und stoß ihn in dieselbe.
7 Wirf auf ihn scharfe und spitze Steine und decke ihn mit Finsternis.
8 Dort wird er bleiben immerdar; bedecke sein Antlitz, daß er das Licht nicht sehen kann,
9 und am großen Tage des Gerichts laß ihn ins Feuer werfen.
[…]
15 Ingleichen sprach der Herr zu Michael: Gehe und verkünde dem Samjaza und den andern, welche bei ihm sind, welche sich mit Weibern vereinigten, um sich zu beflecken mit aller ihrer Unreinheit; und wenn alle ihre Söhne erschlagen sind, wenn sie sehen den Untergang ihrer Geliebten, so binde sie für siebzig Geschlechter unter die Erde, bis auf den Tag der Gerichts und der Vollendung, bis das Gericht, welches für ewig gilt, vollbracht ist.
16 Dann sollen sie hinweggeschafft werden in die untersten Tiefen des Feuers, in die Qualen und in den Kerkern eingeschlossen werden ewiglich.
17 Sogleich nach diesen soll er mit ihnen zugleich verbrannt werden und umkommen; gebunden sollen sie sein, bis da erfüllt sind viele Geschlechter.
(Henoch 10:6–9, 15–17)

1 Und in jenen Tagen werden die Engel herabsteigen in die Schlupfwinkel, und zusammenbringen an Einen Ort alle diejenigen, welche halfen der Sünde.
2 Und erheben wird sich der Erhabene an jenem Tage, zu halten das große Gericht über alle Sünder; und Wächter wird er geben über alle Gerechte und Heilige von den heiligen Engeln, sie werden sie bewachen, wie den Augapfel, bis vernichtet ist alle Bosheit und alle Sünde.
(Henoch 99:1–2)

4 Wehe euch, o Sünder, wenn ihr sterbt in eueren Sünden! Und sprechen werden diejenigen, welche sind wie ihr, über euch: „Gesegnet sind diese Sünder; alle ihre Tage haben sie gesehen, und nun sind sie gestorben [in Glück und in Reichtum; Unglück und Verderben sahen sie nicht in ihrem Leben, in Ehren sterben sie], und Gericht ward über sie nicht gehalten in ihrem Leben.“
5 Wurde ihnen nicht gezeigt, daß sie in die Unterwelt hinabsteigen lassen werden ihre Geister, und Übel sein werden und groß ihre Qual? Und in die Finsternis, und in das Netz und in die Flamme, welche brennen wird zu dem großen Gericht, wird eingehen ihr Geist, und das große Gericht wird sein für alle Geschlechter in Ewigkeit.
(Henoch 103:4–5)

Jesus hat seine Lehre von der Hölle also eindeutig aus dem Henochbuch.

Da nun aber das Henochbuch keine heilige Schrift ist, muß man sich fragen, wie der nicht inspirierte Schreiber dieses Buches Dinge wissen konnte, die im Tanach noch nicht stehen und die Gott dann erst lange Zeit später durch seinen Sohn offenbart hat.
Das ist nicht möglich und somit ähnelt Jesus meinem oben ausgedachten Propheten, der sich seine Offenbarungen aus Filmen und Romanen holt.

Der einzige Unterschied ist, daß Jesus sich ein Buch zur Grundlage genommen hat, von dem er selbst nicht wußte, daß es nur Fiktion enthält und das er selbst wahrscheinlich für real inspiriert hielt.
Aber das ändert nichts an den Tatsachen: Die Lehre Jesu, daß alle verdammten Menschen und Engel am Tag des Jüngsten Gerichts in ein ewiges Feuer geworfen werden, basiert auf Erzählungen eines nicht durch Gott gesandten Buches und kommt in den hebräischen Schriften der Bibel nicht vor.

Und das zeigt mir, daß Jesus nicht der Sohn Gottes oder ein Prophet sein kann. Denn wenn dem so wäre, dann hätte er gewußt, welche Schriften göttliche Autorität besitzen und welche nicht und hätte keine Lehren verkündet, die ausschließlich einem Werk der Phantasie entspringen.

Die Unterscheidung der Toten im Totenreich

Doch Jesus hat nicht nur die Höllenlehre aus dem Buch Henoch übernommen. Auch sein Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus ähnelt sehr dem bereits angesprochenen Konzept des Totenreichs, das eine Trennung zwischen Gerechten und Ungerechten macht:

22 Es begab sich aber, daß der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
23 Als er nun im Hades2 war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.
25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt.
26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, daß niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
(Lukas 16:22–26)

Dieses Konzept kennt der Tanach nicht. Das Buch Henoch dagegen kennt es durchaus.

Gut, im Zweifel könnte man hier noch sagen, daß es sich nur um ein Gleichnis handelt und Jesus lediglich ein Bild aus einem nicht biblischen Buch genommen hat, um seine Aussage näherzubringen, aber das ist fragwürdig, wenn man bedenkt, daß er auch die Höllenlehre direkt aus dem Henochbuch hat.

Die abtrünnigen Engel zur Zeit Noahs

Der Tanach berichtet davon, wie Engel mit Menschenfrauen Geschlechtsverkehr hatten:

1 Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden,
2 da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten.
3 Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertundzwanzig Jahre.
4 Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.
(1. Mose 6:1–4)

Mehr als in den obigen vier Versen wird über das Ereignis nicht gesagt. Es wird zum Beispiel nicht berichtet, was danach mit diesen Engeln passiert ist.
Das Neue Testament dagegen kennt einige Antworten:

19 In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis,
20 die einst ungehorsam waren, als Gott harrte und Geduld hatte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute, in der wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch.
(1. Petrus 3:19–20)

Denn Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in den Tartarus3 gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden
(2. Petrus 2:4)

Auch die Engel, die ihren himmlischen Rang nicht bewahrten, sondern ihre Behausung verließen, hat er für das Gericht des großen Tages festgehalten mit ewigen Banden in der Finsternis.
(Judas 6)

Es wird also gesagt, daß diese Engel, die zur Zeit Noahs mit den Menschen verkehrten, gefangengenommen und für das Jüngste Gericht festgehalten wurden.
Woher wissen Petrus und Judas das, obwohl es gar nicht im Tanach steht? War es eine neue Offenbarung Gottes? Nein. Denn im Buch Henoch finden sich mal wieder genau diese Berichte:

9:5 Du hast gesehen, was Azazjel getan hat, wie er jede Art von Bosheit auf der Erde gelehrt und der Welt alle verborgenen Dinge enthüllt hat, welche im Himmel geschehen.
6 Auch hat Zauberei gelehrt Samjaza, dem du Gewalt verliehen hast über die, welche ihm zugesellt sind. Sie sind miteinander zu den Töchtern der Menschen gegangen, haben gelegen bei ihnen, sind befleckt worden
7 und haben ihnen Verbrechen offenbart.
8 Die Weiber ingleichen haben Riesen geboren.
[…]
10:6 Wiederum sprach der Herr zu Raphael: Binde den Azazjel an Händen und Füßen, wirf ihn in Finsternis, öffne die Wüste, welche in Dudael ist und stoß ihn in dieselbe.
7 Wirf auf ihn scharfe und spitze Steine und decke ihn mit Finsternis.
8 Dort wird er bleiben immerdar; bedecke sein Antlitz, daß er das Licht nicht sehen kann,
9 und am großen Tage des Gerichts laß ihn ins Feuer werfen.
[…]
15 Ingleichen sprach der Herr zu Michael: Gehe und verkünde dem Samjaza und den andern, welche bei ihm sind, welche sich mit Weibern vereinigten, um sich zu beflecken mit aller ihrer Unreinheit; und wenn alle ihre Söhne erschlagen sind, wenn sie sehen den Untergang ihrer Geliebten, so binde sie für siebzig Geschlechter unter die Erde, bis auf den Tag der Gerichts und der Vollendung, bis das Gericht, welches für ewig gilt, vollbracht ist.
(Henoch 9:5–8, 10:6–9, 15)

Wenn Jesus der Sohn Gottes ist, wie kommt es dann, daß seine Jünger ihren Glauben aus einem nicht inspirierten Buch schöpfen?
Nicht nur das. Judas zitiert das Henochbuch sogar:

14 Es hat aber auch von diesen geweissagt Henoch, der siebente von Adam an, und gesprochen: Siehe, der Herr kommt mit seinen vielen tausend Heiligen,
15 Gericht zu halten über alle und zu strafen alle Menschen für alle Werke ihres gottlosen Wandels, mit denen sie gottlos gewesen sind, und für all das Freche, das die gottlosen Sünder gegen ihn geredet haben.
(Judas 14–15)

Hier die Stelle aus dem Buch Henoch:

Siehe! er kommt mit Myriaden seiner Heiligen, Gericht über sie zu halten, zu vertilgen die Bösen und zu strafen alles Fleisch über jegliches, was die Sünder und Gottlosen getan und begangen haben gegen ihn.
(Henoch 2)

Schlußfolgerung

Die Hölle, das unterteilte Totenreich und die Bestrafung der Engel, die sich mit Menschenfrauen eingelassen haben: Alles Lehren, die der Tanach nicht kennt, die aber im Buch Henoch gelehrt werden und die das Neue Testament übernommen hat.

Es gibt nun vier Möglichkeiten, was das Buch Henoch (an dieser Stelle nur Henoch genannt) und Jesu Lehren (an dieser Stelle nur Jesus genannt) betrifft.
Ich habe mein Ergebnis zwar schon mitgeteilt, aber als Zusammenfassung möchte ich die vier Möglichkeiten noch einmal nennen und analysieren.

Möglichkeit 1:
Henoch und Jesus sind beide von Gott gesandt. Ihre Schilderungen ähneln sich, weil sie in beiden Fällen von Gott kommen.

Möglichkeit 2:
Henoch ist von Gott gesandt und Jesus nicht. Ihre Schilderungen ähneln sich, weil Jesus Henochs Ideen übernommen hat.

Möglichkeit 3:
Jesus ist von Gott gesandt und Henoch nicht. Ihre Schilderungen ähneln sich, weil sich Henoch mit seiner Phantasie zufälligerweise genau die Dinge ausdachte, die der Wahrheit entsprechen.

Möglichkeit 4:
Keiner der beiden ist von Gott gesandt. Ihre Schilderungen ähneln sich, weil sich Henoch die Sachen ausgedacht und Jesus Henochs Ideen übernommen hat.

Gehen wir nun die Möglichkeiten durch:

Möglichkeit 1 und 2 können ausgeschlossen werden. Das überholte Weltbild und der fundamentale Widerspruch zum Tanach, was das Totenreich betrifft, zeigen eindeutig, daß das Buch Henoch keine göttlich inspirierte Schrift sein kann.

Möglichkeit 3 ist ebenso auszuschließen. Wie soll es möglich sein, daß ein Autor, der keinerlei göttliche Inspiration hat, durch seine Phantasie genau das aufschreibt, was sich später als Wahrheit herausstellt? Wie konnte der Schreiber des Henochbuches mit der Hölle, dem Totenreich und den Engeln zufälligerweise genau ins Schwarze treffen, obwohl zu seiner Zeit niemand von diesen Dingen wußte, da sie in den heiligen Schriften nicht offenbart waren?

Somit bleibt nur noch Möglichkeit 4: Der Schreiber des Henochbuches hat sich das ganze ausgedacht und Jesus, welcher nicht der Sohn Gottes oder ein Prophet war, hielt das Henochbuch für eine heilige Schrift und übernahm dessen Lehren.

Da nur die vierte Möglichkeit der Realität entsprechen kann, bedeutet das, daß das Christentum nichts weiter als ein großer Irrtum ist.
Jesus ist nicht der gesandte Sohn Gottes, der gekommen ist, die Menschheit zu erretten und vor der ewigen Verdammnis zu bewahren. Und die Juden haben auch nicht ihren Messias abgelehnt und sind somit nicht vor Gott abgefallen.
Das Erscheinen des Messias liegt nach wie vor in der Zukunft und das Judentum ist immer noch die wahre Religion Gottes.

Abschlußworte

Ich war immer auf der Suche nach der Wahrheit.
Ich habe versucht, in Glaubensfragen gegenüber neuen Dingen offen zu sein und mich nicht aus Gewohnheit an alte Grundsätze zu klammern, obwohl diese widerlegt wurden. Wenn ich merkte, daß eine Sichtweise der Kirche nicht der biblischen Offenbarung entspricht, dann verwarf ich sie.
Deshalb hat sich mein Glaube in all den Jahren als Christ Stück für Stück weiterentwickelt.

Eines Tages bin ich dann darauf gestoßen, daß wichtige und weniger wichtige, aber auf jeden Fall als Wahrheit anerkannte Lehren im Christentum auf einem Buch basieren, das völlig zu Recht ein Schattendasein als apokryphe Schrift fristet und nicht zum biblischen Kanon gehört.
Und obwohl dies die einschneidendste Glaubensentwicklung war, die ich seit meinem Entschluß, Christ zu werden, erlebt hatte, da es hier nicht nur um irgendwelche Einzelpunkte ging, sondern um die Frage schlechthin, ob das Christentum die Wahrheit ist, mußte ich konsequent bleiben. Wenn sich herausstellen würde, daß ich mit meinem Glauben die ganze Zeit falsch lag, dann sollte es so sein.

Und so war es dann auch. Ich sah keinen Grund mehr, dem Christentum noch anzugehören.

Jemand, der wichtige Teile seiner Lehre auf einem nicht inspirierten Buch aufbaut, das in großem Maß Phantasien enthält, die keine Grundlage in der Bibel haben, kann kein Gesandter Gottes sein, sonst hätte er gewußt, daß dieses Buch nicht inspiriert ist und daß die Beschreibungen darin unbiblisch und falsch sind.

Aus diesem Grund habe ich Jesus von Nazareth als Sohn Gottes abgelehnt und das Christentum verlassen und sehe nun den jüdischen Glauben als den einzig wahren an.
Dies habe ich am 11. Juni 2007 vor Jahwe, dem allmächtigen Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, bekannt.


1 Das Buch Henoch in der Übersetzung von Andreas Gottlieb Hoffmann findet man im Internet unter www.gutenberg.org/ebooks/4013.
In der Datei befindet sich der eigentliche Buchtext erst etwas weiter unten, nach einer größeren Anzahl Anmerkungen.
An dieser Stelle möchte ich auch vorsorglich anmerken, daß ich für jegliche Rechtschreib- und Grammatikfehler in den Zitaten aus dem Buch Henoch nicht verantwortlich bin, da diese bereits in der angegebenen Datei vorhanden waren.

2 Das griechische Wort „Hades“ wurde von Martin Luther mit „Hölle“ übersetzt, was jedoch falsch ist.
Der Hades bezeichnet das Totenreich und entspricht dem hebräischen Wort „Scheol“.
Das griechische Wort für „Hölle“ ist „Gehenna“. Die Gehenna entspricht dem Feuersee am Tag des Jüngsten Gerichts.
Weder das Neue Testament noch das Buch Henoch vermischen beides miteinander. Der Bereich des Totenreiches, in dem die Ungerechten gequält werden, ist nicht identisch mit dem Feuersee des Jüngsten Gerichts, in den die Ungerechten nach der Auferstehung geworfen werden.
Erst die Kirche hat das ganze durcheinandergebracht, weshalb der Hades in vielen Übersetzungen als Hölle bezeichnet wird.

3 Auch das Wort „Tartarus“ wurde von Luther wieder irrtümlich mit „Hölle“ übersetzt, obwohl es sich um zwei völlig verschiedene Orte handelt.

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